Vater und Sohn

Das 300 Millionen Ding. Der Fall Lettmüller

Torsten Weinitzer.- Wien: Ueberreuter, 1989 ISBN 3-8000-3279-1

Vierte Umschlagseite:

"Innerhalb von wenigen Jahren ergaunerte der Buchhalter Franz Lettmüller die größte Summe, die je von einem einzelenen im privatwirtschaftlichen Bereich, in der Zweiten Republik, unterschlagen wurde. Die genialen Tricks des Mannes mit den zwei Leben als unauffälliger Buchhalter und als schillernder Krösus ließen in den Revisionsabteilungen von Banken, Industrie- und Handelsunternehmen die Alarmglocken schrillen. Es war ein kurzer Traum vom beinahe unvorstellbaren Luxus, bezahlt mit gestohlenem Geld und gelebt von geborgter Zeit."

007 jagt Lettmüller

"Neben den nötigen Schritten zur Rettung des schwer angeschlagenen Großunternehmens und zur möglichst raschen Sicherung noch vorhandener Teile des offensichtlich unterschlagenen Millionenvermögens bewegte Gesellschafter und Geschäftsführer nur noch eine Frage: Wo war Franz Lettmüller? War er in Österreich untergetaucht? Oder hatte er sich bereits ins Ausland abgesetzt, um in irgendeiner tropischen Bananenrepublik ungestört und sorgenlos die verbliebenen Früchte seiner Unterschlagungen zu genießen, ein lebender Beweis, dass Verbrechen sich lohnt? Seine Spur hatte sich am Freitag, dem 5. März verloren, damals war er zum letzten Mal zum Dienst erschienen. Fünf Tage später, am Mittwoch, wurde der Haftbefehl gegen Franz Lettmüller ausgestellt und die österreichweite Fahndung eingeleitet.

Die alte Geschäftsführung der Europapier war zu diesem Zeitpunkt noch in Amt und Würden und mag wohl noch die Hoffnung gehegt haben, ihre berufliche Position retten zu können oder, falls nicht möglich, wenigstens die rechtliche Situation für voraussichtlich folgende arbeitsgerichtliche Prozesse zu verbessern. So entschloss man sich noch am Mittwoch, die Suche nach dem Verschwundenen nicht allein Polizei und Gendarmerie zu überlassen, sondern zusätzlich einen Privatdetektiv zu engagieren. Aber welchen? Glaubhaften Berichten zufolge war das Auswahlkriterium die bekannte Zahlenkombination 007 in der Wiener Telefonnummer 840 007, und dies war der Anschluss der Detektivagentur Pöchhacker Ges.m.b.H. Diese Entscheidung, ob zufällig getroffen, wie erzählt, oder doch auf einem früheren Bekanntschaftsverhältnis beruhend, erwies sich im nachhinein als äußerst zweckmäßig für den weiteren Ablauf der Ereignisse.

Am Mittwoch um acht Uhr abends schlug in den Räumen der Agentur das Telefon an, und Berufsdetektiv Walter Pöchhacker übernahm den Auftrag, die Stecknadel im Heuhaufen zu finden. Der Detektiv, ein vollbärtiger Hüne und damals 33 Jahre alt, entsprach kaum dem Bild des klassischen Private Eye vom Schlage eines Philip Marlowe oder Lew Archer. Bereits vier Jahre selbständig, hatte er es zu einem Stab von 36 dank der strengen österreichischen Zulassungsbestimmungen ausgesuchten und gutgeschulten Mitarbeitern gebracht, darunter sechs Frauen. 007 – Pöchhacker selbst gibt an, diese Telefonnummer aus werblichen Gründen ausgewählt zu haben – führte somit eine der größten Detektivagenturen im Lande, was bei der weiteren Zusammenarbeit mit der Europapier beiden Seiten nachhaltige Vorteile bringen sollte.

Die Erteilung des Auftrages zur Personenfahndung durch die zwei Geschäftsführer war nur von mageren Informationen begleitet. Zu kurz war die Zeit seit dem Platzen des Skandals gewesen, als dass sich bis dahin jemand einen genaueren Überblick über Privatleben und Gewohnheiten des Gesuchten hätte verschaffen können. Es gab einen unterschriebenen Haftbefehl und eine Personenbeschreibung, die auf den breitbeinigen watschelnden Gang und auf die gewichtige Statur Lettmüllers hinwies – er brachte mindestens 140 Kilogramm auf die Waage. Noch am selben Abend wurden per Funk die Mitarbeiter der Agentur ausgeschickt. Adressen wurden erhoben und observiert, die Nachforschungen konzentrierten sich auf die mutmaßlichen Aufenthaltsorte in Wien, Perchtoldsdorf, Schäffern in der Steiermark und Punitz im Burgenland. Ein Tipp aus der Traberszene brachte einen ersten Hinweis auf ein Gestüt im Salzburger Pongau, das angeblich Lettmüller gehören solle und von einem Mann namens Bürgler oder so ähnlich geleitet werde.

Auf diese schwache Spur wurde der Detektiv Heinz Edinger angesetzt, der auch prompt nachts in den Pongau fuhr und dort Stellung bezog. Wenn der Zufall und das Glück hold sind, dann ist wie in der Lotterie alles möglich. In der kleinen Ortschaft Goldegg vor dem Gasthaus „Zum Bierführer“ hielt Edinger seinen Wagen an, um eine Pause einzulegen. Er sah nach 1 Uhr morgens zwei Männer den Gasthof betreten, von denen einer die in der Personenbeschreibung angegebene auffallend gewichte Erscheinung hatte. Das konnte Lettmüller sein – nein, das musste er sein! Edinger verließ sein Fahrzeug und betrat den Gasthof, wo er sich Gewissheit verschaffte, dass der dicke Mann in diesem Haus ein Zimmer hatte, wo er offenbar den Rest der Nacht zu verbringen gedachte.

Es hätte nicht viel gefehlt, und der kapitale Fang wäre dem Detektiv trotzdem noch entgangen. Wäre der den üblichen Verhaltensregeln seines Berufes gefolgt, so hätte er nun getan, was der § 86 Absatz 2 Strafprozessordnung für diesen Fall vorsieht: „Liegen hinreichende Gründe für die Annahme vor, dass eine Person eine mit gerichtlicher Strafe bedrohten Handlung ausführe, unmittelbar ausgeführt habe, oder dass nach ihr wegen einer solchen Handlung gefahndet werde, so ist jedermann berechtigt, diese Person auf angemessene Weise anzuhalten. Er ist jedoch verpflichtet, die Anhaltung unverzüglich dem nächsten Sicherheitsorgan anzuzeigen.“ In allgemeinverständliches Deutsch übersetzt, er hätte den Pferdefreund Lettmüller hoppgenommen, und genau dieses unterließ Edinger. Vielmehr überließ er den aufgespürten Defraudanten noch ein paar Stunden seinem letzten Schlaf in Freiheit und informierte seine zentrale Leitstelle in Wien, die wiederum um vier Uhr morgens Firmenchef Walter Pöchhacker die frohe Kunde funkte – Pöchhacker schob zu dieser Zeit gerade Wache vor Lettmüllers Wochenendhaus im steirischen Schäffern. Nach dieser Rücksprache meldete Edinger seinen Fund beim nächsten Gendarmerieposten, jenem von Goldegg – und stieß auf Verblüffung und Unglauben. Die Nachricht vom Haftbefehl gegen Franz Letmüller wegen dringender Fluchtgefahr war noch nicht bis in den Pongau vorgedrungen. Wäre der Detektiv mit Lettmüller im Schlepptau bei der Gendarmerie aufmarschiert, so hätte es keinen Grund gegeben, Lettmüller „anzuhalten“, und er hätte, eindringlich gewarnt, noch eine Chance gehabt zu entkommen. Die nächsten Stunden vergingen mit fieberhaften Versuchen in Wien jemanden Kompetenten aufzutreiben, der den Gendarmerieorganen den Haftbefehl bestätigen konnte. Erst um neun Uhr wurde der Buchhalter Franz Lettmüller festgenommen, er leistete keinen Widerstand und äußerte nur, er sei froh, dass nun alles vorbei sei.

Nahezu zwei Jahre später sagte Lettmüller als Angeklagter vor Gericht aus, er habe nicht die Absicht gehabt zu fliehen.* Er habe nur noch einmal sein Lieblingspferd „Lucky Joe“ sehen wollen, das im Pongau im Training stand. Hätte er wirklich ins Ausland gehen wollen, so wäre es ihm ein leichtes gewesen, mit hundert Millionen Schilling irgendwo ein neues Leben anzufangen. Welches die wahren Motive waren, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Sicher ist nur, dass durch einen für ihn unglücklichen Zufall die goldenen Jahre des größten Unterschlagungskünstlers der Zweiten Republik endeten, des Zufalls, der in diesen Jahren so oft auf seiner Seite gewesen war.“

*(Anmerkung: Nicht ganz in Einklang zu bringen ist diese Behauptung mit der Tatsache, dass Lettmüller in derselben Nacht von seiner Frau aus Schäffern sein Reisepass nachgebracht wurde.)